Der Bunker
5. Januar 2021

Teil l

Julius ist acht Jahre alt. Er wohnt mit seinen Eltern in einer Altbausiedlung, mitten in einem Hamburger Stadtteil. Hier in der Gegend stehen überwiegend bunte und mit wunderschönem Stuck verzierte Häuser aus längst vergangenen Tagen. Die Treppenhäuser, in denen seine Mutter und seine Oma putzen gehen und in denen er wöchentlich dabei ist und immer wieder neue Wunderlichkeiten entdeckt, haben alle diesem unverwechselbaren Geruch. Eine Mischung aus heißem und trockenem alten Holz, der vom Dachboden schwillt und gleichzeitig diesen modrigen, feuchten und nach Kohlestaub riechenden Kellern. Aber auch einem Hauch von frischen Bohnerwachs, der das Linoleum auf dem Treppen zum Glänzen bringt. Julius mag diesen Duft. Er erinnert ihn an die Geschichten, die seine Eltern und Großeltern ihm immer wieder und wieder an sonntäglichen Familientreffen erzählen.

Er selbst wohnt in einem langweiligen und sogenannten „Nachkriegsbau“. Das Haus, in dem er mit seinen Eltern lebt, wurde erst 1954 gebaut. Es sind kleine Wohnungen und ein eigenes Zimmer gibt es hier für ihn nicht. Er besitzt auch keine Spielsachen. Dafür ist in der Wohnung gar kein Platz. Auch schläft er bei seinen Eltern im Schlafzimmer. Doch für ihn ist das normal. Er kennt keinen Luxus. Sein Haus ist aus gelben Ziegelsteinen gefertigt und immer wieder fragt er sich, ob die Trümmerfrauen, zum denen auch seine Oma väterlicherseits gehörte, bereits beim Steine klopfen diese auch nach Farbe sortierten. Ohne jegliche Verzierung und für möglichst viele Bewohner wurde das Haus gebaut. Einfach nur schnell hochgezogen und nichts besonderes.

Julius ist Einzelkind. Doch nicht nur das. Er ist auch das einzige Kind überhaupt in seiner doch eher kleinen Familie. Und auf seinem kleinen Rücken liegen all die Erfahrungen, die Guten und die Schlechten, die seine Verfahren so dringend loswerden müssen. Er kennt ihre Geschichten alle in und auswendig. Und doch hört er sie Woche für Woche auf’s Neue. Er kennt sie so gut, als wäre er selbst dabei gewesen. Damals. Im Krieg. Und danach.

Julius hat viele Freunde. Er versteht sich mit allen und spielt stets mit denen, die gerade draußen sind. Ihm ist es egal, wer sie sind und woher sie kommen. In welcher Wohnung  sie wohnen oder auf welche Schule sie gehen. Hauptsache er kann mit ihnen seinen kleinen Großstadtabenteuern hinherjagen.

An diesem Nachmittag, beflügelt von den Geschichten seiner Eltern und Großeltern, zieht es ihn zum Bunker. Der Röhrenbunker, der im Hinterhof seines Wohnhauses steht. Er stand dort schon immer. Doch die kleinbürgerliche Mieterschaft seines Zuhauses verbietet hier im Hof das Spielen von Kindern. Gepflegt soll es aussehen. Und nicht erinnern an eine graue und dunkle Vergangenheit.

Julius ist das egal. Zumindest heute. Er ist einfach zu neugierig. Die Geschichten aus jener Zeit und die Filme, die er mit seinen Eltern über „das dritte Reich“ gesehen hat, machen ihn unheimlich neugierig. Und sie entfachen seinen kindlich naiven Entdeckerdrang.

Gemeinsam mit seinen Freunden beschließt er in die Unterwelt des Bunkers in seinem Hinterhof abzutauchen.

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