Die Stimme
29. April 2021

„Hallo?“. „Haaalloooo?“. „Hallooohooo?“. Eine helle Stimme hallt durch die dunkle Nacht. Es ist stockdunkel. Alles schläft. Nur diese Stimme nicht. Eindringlich und immer wieder rufend ertönt sie dumpf aus weiter Ferne. „Hallo? Bist du da? Bist du wach? Nun werd‘ doch endlich wach! Ich will mit dir reden!“ Die Stimme kommt näher, wird lauter. Immer dichter kommt sie, bis sie unmittelbar vor ihm steht und grell in seine Ohren brüllt: „Nun wach endlich auf, ich will mit dir reden hab ich gesagt!“

Der kleine Troll dreht sich auf seinem Lager um und welzt sich unruhig hin und her. Er möchte so gern schlafen. Abschalten. Ohne Gedanken. Ohne Sorgen. Und ohne Zweifel und Ängste. Er möchte nichts hören und nichts sehen. Er möchte einfach nur im Lummerland weilen und die Wärme der Nacht in sich aufnehmen. Und träumen. Diesen Traum, den er schon so oft geträumt hat. Diesen Traum, der einfach nicht wahr werden möchte. Doch wenn schon nicht wahr, dann wenigstens in seinen kühnsten Träumen erleben, was die Wirklichkeit ihm verwehrt. Jetzt, mitten in der Nacht, wo ihn keiner stört. Wo alle Wirklichkeit vor der Dunkelheit der Nacht schwindet und Fantasie und Illusion ihre Magie und Macht entfalten.

Er hatte es sich gemütlich gemacht. So gemütlich, wie es eben geht in seiner kleinen, dunklen und bescheidenen Höhle. Dumpf nimmt er nun im Halbschlaf das Rufen der Stimme aus der Ferne wahr. Es ist doch noch mitten in der Nacht und er sollte weit weg im seinem Traumland sein. Doch seine Ohren kann er nicht verschließen. Sie sind ein Organ, was sich nicht so einfach abschalten lässt. Auf ein mal ist er wach. Nur schafft er es nicht seine Augen zu öffnen. Sie sind fest verschlossen und auch mit größter Mühe, kann er sie nicht öffnen. Zu schwer sind seine Lider.

In seiner kleinen Höhle ist es stockdunkel. Und es ist still. Mucksmäuschen still. Durch seine geschlossenen Augen kann er die Dunkelheit sehen. Er dreht sich wieder um. Schmeißt sich in die Kissen und sucht nach einer neuen Schlafposition, die ihn wieder in seine Träume zurück bringt. Vergebens. Er befindet sich in dieser Sphäre zwischen Schlafen und Wachen. Seine Ohren registrieren jedes Geräusch. „Hallo Troll. Bist du nun endlich wach?“, ertönt wieder diese Stimme.

Unruhig schmeißt er sich nun hin und her. Er will zurück. Zurück in seinen Traum. Zurück dahin, wo es warm und gemütlich ist. Wo er geborgen ist und alle Last von ihm gewichen. „Lass mich in ruhe! Ich will schlafen!“ raunzt der Troll durch die Nacht. Dabei ist er im Halbschlaf nicht sicher, mit wem er da gerade spricht. Wieder dreht er sich um. Auf der Suche nach einer neuen Schlafposition merkt er jedoch, dass an Schlaf nicht mehr zu denken ist. Die Stimme hat ihn geweckt. Wie so oft in den Nächten.

„Was willst du von mir? Ich habe dir doch nichts getan. Warum kommst du Nacht für Nacht zur mir und weckst mich? Immer dann, wenn ich für ein paar Stunden allem entfliehen will.“ „Du sollst nicht fliehen. Du sollst dich der Wahrheit stellen. Wenn du fliehst, wirst du es nicht verarbeiten können. Mit irgendwem musst du reden. Du kannst nicht weglaufen und dich hinter deinen Träumen verstecken. Die Wahrheit wird dadurch nicht verschwinden. Du schiebst es nur auf.“ „Lieber schiebe ich es auf und habe wenigstens nachts meine Ruhe!“, murmelt der kleine Troll und wirft sich erneut in sein Kissen. „Um dich morgen früh wieder selbst zu belügen? Nur weil du die Wahrheit nicht ertragen kannst?“, fragt die Stimme herausfordernd. „Die Wahrheit. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was die Wahrheit ist.“ Der kleine Troll ist nun vollkommen wach.

Im Dunkeln liegt er auf auf seinem Lager und blickt in die Finsternis. Ob die Stimme recht hat? Er muss sich mit den Tatsachen abgeben. Natürlich muss er das. Er ist ja nicht blöd. Oder vielleicht doch? Denn er weiß nicht, wie man das anstellt. Er weiß nicht, wie er diese Bilder aus seinem Kopf bekommt. Und er weiß auch nicht, ob er einige dieser Bilder überhaupt wirklich löschen möchte. Einerseits tut ihm gut, was er vor seinem Inneren Auge sieht. Andererseits schleichen sich Dämonen ein.

Der kleine Troll weiß einfach nicht, was er tun soll. Nacht für Nacht spricht die Stimme zu ihm. Ermahnt ihn. Fordert ihn auf. Appelliert an ihn. Und doch findet er einfach keine Lösung für das, was in ihm vorgeht. Das, was seine Sinne trübt und ihm dem Verstand raubt.

Die Stimme ist fort. Wie immer, wenn er erstmal wach ist und seine Gedanken ins Rollen gekommen sind. Es ist noch immer dunkel. Stockdunkel. Und still. Endlich ist es wieder still.

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