Die Uhr
6. August 2021

Mal abgesehen vom Handy, was von vielen als Spielzeug missbraucht wird, oder als Ersatz für soziale Kontakte herhalten muss, ist die Uhr der Gegenstand, von dem der Mensch sich am allermeisten abhängig macht und welches von ihm am häufigsten über den Tag verteilt aufgesucht und betrachtet wird.

Früh morgens schrillt der Wecker. Manchmal ist der Mensch vorher wach, denn seine innere Uhr hat gelernt schneller zu sein. Vielleicht um der unsanften Methode des morgendlichen „anschreihen“ zu entgehen. Dann folgt ein kurzer Blick auf den Wecker. Noch zehn Minuten. Die Augen fallen wieder zu. Der Körper entspannt. Zurück nach Lummerland. Doch unsere Gedanken sind nicht mehr frei. Sobald wir wach sind und unsere Gedanken von Bewusstheit beherrscht werden sind wir angespannt. Wir wissen um unsere Abhängkeit, denn drei Minuten später sehen wir erschrocken auf die Uhr. Haben wir verschlafen? Schaffe ich es noch rechtzeitig? Rechtzeitig aufzustehen, um pünktlich zur Arbeit, zur Schule, zur Uni zu kommen? Die Kinder zu wecken, Frühstück zu bereiten und Pausenbrote fertig zu machen? Der Tag beginnt mit Stress und Anspannung. Angepasstes Leben ist die Grundlage seinen Dienst als Roboter in der modernen Maschinerie zu bewältigen.

Den ganzen Tag über werden wir jetzt auf die Uhr sehen. Immer wieder. Wann ist Frühstückspause? Wann Mittag? Wann Feierabend? Der Terminkalender ist voll. Wieder ein Blick auf die Uhr. Schaffe ich es zeitlich auf Klo zu kommen? Lohnt es sich den Kaffee aufzusetzen und esse ich schnell genug, um auch den letzten Bissen noch runter zu bekommen? Doch nicht etwa, dass nach getaner Arbeit der Bauch und das innere Gefühl den Tagesablauf übernehmen. Nein. Es bleibt bei der Fremdbestimmung durch die Zeit. Die Uhrzeit hat unser Leben fest im Griff.

Der Termin im Fitnessstudio, beim Yoga oder im Sportverein muss eingehalten werden. Sonst lohnt es sich nicht und die nächste Gruppe hält Einzug in die Räumlichkeiten. Wir könnten absagen, einfach nicht hingehen, doch dann grämen wir uns auch wieder, weil wir doch eigentlich etwas für uns und unseren Körper tun wollen. Also hechten wir zum selbstgewählten Termin. Außer Atem kommen wir an. Gerade noch rechtzeitig. Entspannung auf Knopfdruck. Jetzt! Sofort! Aber nur für die dafür vorgesehene Zeit.

Genauso verhält es sich mit den Terminen die unser ganz privates Leben regeln. Ob Verabredungen mit Freunden oder das Kaffeekränzchen bei Oma. Eine feste Zeit muss eingehalten werden. Kurzer Blick auf die Uhr. Ja, auch hier: gerade noch geschafft.

Am Abend dann aber schnell und vorallem nach Zeit die Kinder ins Bett, denn um 20 Uhr kommt die Tagesschau. Danach der Krimi, die Komödie oder der zeitlich verabredete Anruf einer Freundin, die ebenso nach Plan nur ihre Dienste erledig hat und mit der wir nun ein bisschen abschalten und Bauchgefühl austauschen wollen.

Der Mensch ist schon lange kein Mensch mehr. Er hat verlernt auf sich selbst zu hören und macht sich mehr und mehr abhängig von vorgegebenen Mustern und Strukturen. Die Zeitfenster, die aus seinem Inneren für diese oder jene Situation, für Gefühle und ebenso für nötige Pausen entstehen, ignoriert er. Und am Ende wundert er sich, dass er sich krank und abgeschlagen fühlt.

Er lebt in einem Hamsterrad. Denn nun schafft er sich neue Termine, die auf die Minute genau eingehalten werden müssen…. Ärzte, Therapien, Gespräche… Alles so, wie von außen vorgegeben. Der Mensch verliert sich selbst dabei immer mehr…. Nur merkt er das nicht.

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