Der Klang des Seins
8. August 2021

„Horch mal, hörst du das auch?“
„Nö, ich höre nichts. Was hörst du denn schon wieder? Es ist doch totenstill hier.“
„Aber genau das meine ich doch. Sei mal still und lausche. Dann hörst du vielleicht auch diese wunderbare Stille.“

Der kleine Troll liegt auf seinem einfachen aus Stöcken und Blättern gefertigten Lager und der frische Geruch von feuchtem und erdigen Moos umgibt ihn. Er hat die Augen geschlossen und lauscht in die Stille. Ein zarter Windhauch strömt durch die Ritzen seiner Höhle und die kühle, jedoch herrlich frische und nach Herbst riechende Luft wirbelt ihm um die knollige Nase. Der Duft zaubert ihm ein Lächeln ins Gesicht. Er mag diesen modrigen Geruch.

Es ist dunkel. Stockdunkel. Er kann es mit geschlossenen Augen sehen. Dieses angenehme und alle Last von ihm nehmende Schwarz. Soweit das geschlossene Auge reicht ist alles umgeben von Dunkelheit.

Vollkommen entspannt liegt er da und hört zu. Hört zu, wie die Stille ihn mit ihrem süßen Ton verzaubert.
„Ich höre immer noch nichts! Du musst verrückt geworden sein Troll. Wie kann man etwas hören, wenn nichts da ist?“, meckert die Stimme, mit der er gerade in Gedanken gesprochen hat. Die Stimme ist sein einziger Freund. Sein Mitbewohner. Sein Diskussionspartner. Sein allgegenwärtiger Mitstreiter. Und sie ist die einzige, die immer an seiner Seite ist. Manchmal ist die Stimme unendlich lästig und der kleine Troll verabscheut sie. Ist sie doch ständig nur am Meckern und Jaulen und redet oft nur dummes Zeug. Nicht selten verdirbt sie ihm sogar die Laune mit ihrer miesenpetrigen Art. Doch manchmal ist er auch froh, dass sie da ist. Sie würde ihm fehlen, könnte er nicht mehr mit ihr sprechen und streiten. „Sei doch still und hör‘ einfach mal eine Weile zu! Versuche es wenigstens!“, raunzt er sie jetzt an. Das ist die Stimme nicht gewohnt und der barsche Ton vom kleinen Troll verschlägt ihr tatsächlich die Sprache. Die Stimme verstummt. Als sei sie beleidigt, dass man derart mit ihr spricht. Schließlich ist sie doch die Stimme. Und wie kann eine Stimme einfach still sein? Doch leicht pikiert fügt sie sich. Sie schweigt. Und lauscht.

Der kleine Troll liegt zusammen mit seiner imaginären und endlich einmal schweigenden Stimme im Dunkeln. Die Luft ist kühl und klar und herrlich frisch. Seine Augen sind geschlossen. Er atmet gleichmäßig und ruhig und sein Körper scheint schwerelos. Eine Leichtigkeit durchströmt sein Dasein und seine Lippen formen sich zu einem zufriedenen Lächeln. Es ist schön hier zu sein. Hier in der dunklen und feuchten Höhle.

Auch die Stimme schweigt noch immer und es gleicht einem Traum. Der kleine Troll spürt nun alles ganz deutlich. Seine Sinne sind schärfer denn je. Er riecht, er spürt, er hört. Und er genießt. Seine Wahrnehmung ist in der Dunkelheit eine ganz andere wie am helligten Tag. Viel intensiver und genauer. Und so viel schöner. Ohne all die Einflüsse von außen, die am helligten Tage über ihn herfallen.

„Du? Troll?“, flüstert die Stimme nun kaum hörbar in die Dunkelheit. „Ich glaube, ich weiß jetzt was du hörst.“ Wieder Schweigen. Eine unbeschreibliche Ruhe, in der selbst die Stimme sich kaum traut auch nur das leiseste und kleinste Geräusch von sich geben. „Es ist der Klang des Seins, richtig? Das Geräusch vollkommener Stille breitet sich in dir aus und verdrängt alles, was nicht zu dir gehört. Ist es so?“ Der kleine Troll lächelt noch immer und jetzt spürt er, wie bei einem verschwörerischen Einvernehmen, seine Mundwinkel zucken. „Ja. Der Klang des Seins. Das hast du schön gesagt. So könnte man es wohl beschreiben.“

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