Innere Tür
14. August 2021

Mit Ehrlichkeit hält man nicht selten Menschen einen Spiegel vor, in den sie um nichts auf der Welt blicken möchten. Ein Spiegel, den sie mit aller Kraft von sich schieben, weil er die Wahrheit, nämlich ihr eigenes Unvermögen, ihre Angst und ihr tief Verborgenes und Verschlossenes herauf beschwört.

Die wenigsten haben je verarbeitet, was in ihnen schlummert. Sie vergraben die eigenen ehrlichen Gedanken, ihre Erfahrungen und Enttäuschungen. Die meisten verschließen diese Tür und hoffen auf ewig, die Dämonen ihrer Vergangenheit könnten so gebändigt werden. Sie bauen ihr Leben auf und vergessen diese Tür. Sie leben nicht als sie selbst, sondern lediglich als eine unzureichende und eigens geschaffene Kreation, als jemand der sie gern wären, der sie jedoch niemals sein können, solange diese Tür verschwiegen und verschlossen bleibt. Doch früher oder später steht die Wahrheit wieder vor ihnen und sie werden konfrontiert mit ihrem versteckten Ich. Eine Situation, ein Gespräch, eine Erinnerung oder einfach nur ein böser Traum aus alten Zeiten stellt sie plötzlich vor diese Tür.

Die meisten rennen weg. Aus Angst vor dem, was sie erwartet. Angst ihr eigens aufgebautes und augenscheinlich perfektes Leben könnte zusammen brechen. Nein. Die Wahrheit soll für die meisten verborgen bleiben. Sie belügen lieber andere und vorallem sich selbst, als das sie sie selbst sind.

Wer die Wahrheit über einen anderen auch nur erahnt gilt als Bedrohung. Passt nicht mehr ins Bild. Könnte das perfekt inzenierte Dasein gefährden. Streit und Trennung sind vorprogrammiert. Mich erinnert das ein bisschen an die Zeit der Hexenverfolgung. Es gibt nur eine Wahrheit und das die des Inquisators.

Nicht selten wird der Spieß einfach umgekehrt. Ist es nicht so, dass die meisten gern von sich auf andere schließen? Projektion ist an der Tagesordnung. Es wird mit Fingern auf andere gezeigt, nur um selbst die weiße Weste zu wahren. Sich selbst ins helle Licht stellen und so die eigenen Schattenseiten ausblenden ist um so vieles leichter, wie seine eigene dunkle Seite zu betrachten, sie anzunehmen und so das eigene Licht, zumindest für den Moment, zu dimmen.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.