Das verletzte Tier
17. August 2021

Wird ein Tier in der Wildnis verletzt, zieht es sich zurück. Ihm ist bewusst, dass es ihm von nun an an Kraft und Stärke fehlt, um es mit anderen aufzunehmen. Es verbleibt in seinem Bau, in seiner Höhle und wartet ab. Wartet bis es ihm besser geht. Oder wartet auf sein Ende. Draußen blicken lässt es sich kaum noch.

Kommt ein Mensch und möchte durch seine sozial geprägte Art dem Tier helfen, so wird es aggressiv und versucht sich mit all seiner noch verbliebenen Kraft dagegen zu wehren. Es beißt, es knurrt, es drückt sich in die hinterste Ecke zurück. Doch der Mensch lässt nicht locker. Er zerrt das verwundete Tier hervor und drängt sich ihm auf. Er tut alles, um diesem armen Geschöpf zu helfen. Der Mensch fühlt sich dabei als Retter in der Not und gewinnt an eigenem Ego. Rettet er wirklich das Tier? Oder tut er es aus purem Eigennutz, um sich selbst darstellen zu können?

Und was ist mit seinen Mitmenschen? Mit denen, die ebenfalls mit tiefen Wunden leben und sich still und leise zurück ziehen? Genau so, wie das Tier es tut. Jene Menschen, deren Wunden nicht offen sind. Die nicht bluten, deren Knochen nicht hervor treten. All die Menschen die nicht augenscheinlich und offensichtlich verletzt sind?

Sie beginnen sich trotz aller erlernter und permanent propagierter Sozialisierung zu verstecken. Sie scheuen sich nach anfänglichen und enttäuschtem Vertrauen letztlich vor den wenigen, die ihre Verletzung doch erkennen könnten. Wie das Tier in seiner Höhe, ist ihre Angst vor weiteren Verletzungen zu groß, als dass sie freiwillig hervor kommen würden.

Doch der Mensch sieht nur das Tier. Nicht aber seinen verletzten Mitmenschen. Von dem wird lediglich erwartet, dass er für sich selbst Eintritt und sich selbstständig Hilfe sucht. Doch wer das nicht aus eigenem Antrieb schafft, der bleibt zurück gezogen in seiner Höhle sitzen und wartet ab was kommt. Genau so, wie das Tier es tut.

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